Reisen in Corona-Zeiten // Der Tegernsee im Herbst

Herzlich willkommen auf dem Blog liebe Nicole, ich freue mich wieder einen neuen Beitrag von dir teilen zu dürfen. Nicole reist für ihr Leben gerne, man könnte sagen es ist ihr Hobby, ihr Leidenschaft. Egal ob mit Mann oder der ganzen Familie, sie zieht es immer wieder in fremde Städte, Länder und Kontinente. Im letzten Jahr hat Nicole hier schon einmal einen Artikel geschrieben: Akropolis adieu – hello “Heim-Komm-Blues”. In diesem Jahr gestaltet sich das Reisen extrem schwierig und wenn es nur ein Urlaub innerhalb von Deutschland ist. Nicole und ihre Familie sehnten sich nach einem Tapetenwechsel, einer Auszeit, ein paar neuen Eindrücken in dieser von Homeoffice und Social Distancing geprägten Zeit. So haben sie versucht in den Herbstferien (Ende Oktober 2020) den lange geplanten Familienurlaub anzutreten. Nicole erzählt uns von ihren Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen beim Reisen in Corona-Zeiten im Herbst 2020. Viel Freude beim Lesen! ♥-liche Grüße, Frau Krauss 

Text – Nicole Jaser

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Sollen wir es wirklich wagen? Diese Fragen haben wir uns vor gut zwei Wochen fast täglich gestellt, beim Blick auf die stetig steigenden Corona-Zahlen und unseren näher rückenden Herbsturlaub. Schon im Mai hatten wir die Woche am Tegernsee gebucht. Mit dem Hintergedanken „in Deutschland wird man dann wohl hoffentlich vereisen dürfen“ und dem Hintertürchen, bis eine Woche vor Reiseantritt noch stornieren zu können. 

Dass es dann tatsächlich so kommt, dass wir uns Gedanken über den Reiseantritt machen mussten, haben wir nicht erwartet, nicht gehofft. Stornieren, verschieben oder fahren? Mann war genervt und musste dringend mal raus aus dem Home Office, ich war skeptisch, Kind 1 wäre auch daheim geblieben, Kind 2 wollte unbedingt zu den Pferden. Irgendwann haben wir dann entschieden: Wir fahren!  Unsere Argumentation: Die Zahlen dort sind nicht schlimmer als bei uns, Hotels sind nachweißlich keine Hot-Spots und auf exzessive Partys gehen wir dort ziemlich sicher auch nicht. Und natürlich der Zweck-Fatalismus: Ausnutzen, wer weiß, wie lange das überhaupt noch möglich ist?  Im Laufe der Woche war dann klar: Ab Montag dem 2. November nicht mehr. Keine touristischen Übernachtungen mehr für vorerst 4 Wochen. Puh….

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Seit gestern sind wir wieder zu Hause und ich muss sagen: obwohl es keinerlei Anlass zur Besorgnis gab vor Ort, bin ich doch ein Bisschen froh über die eigenen vier Wände. Wie war er aber, der Urlaub in dieser doch kritischen Corona-Zeit? 

Mein Fazit: Anders….anders schön….traurig….nachdenklich….und dankbar. 

Wir lieben den Tegernsee. Für uns, die wir ein paar Jahre in München gelebt haben, ist es immer wie nach Hause kommen. Der obligatorische Besuch im Tegernseer Bräustüberl mit dem ersten Hellen am Ankunftstag gehört da genauso dazu, wie die Fahrt auf den Wallberg und der Abstecher in die Tegernseer Naturkäserei. Im Herbst zeigt sich dieses bezaubernde Fleckchen Erde von einer seiner schönsten Seiten: bunte Blätter, am Berg einen Weitblick gefühlt bis nach Italien und zuverlässig der erste Schnee. Die Kombination aus Wasser und Berge ist hier einfach wunderbar! Ich würde sofort hier wohnen wollen, wenn ich es mir irgendwie leisten könnte.

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Unserem Hotel muss ich zunächst an dieser Stelle ein Riesenlob aussprechen: Wir haben uns dort zu keiner Zeit unsicher gefühlt. Es wurde penibel auf alle Vorschriften geachtet, von Fieber messen bei den Gästen, über Maskenpflicht im Haus, Personenbeschränkung im Schwimmbad und SPA, Hygienevorschriften am Frühstücksbuffet (nur mit Handschuhen und Maske) und in der Kinderbetreuung, Abstand halten überall. Man kam sich eher vor, wie in einer sehr behüteten Blase, während die Welt um einen herum gefühlt immer beängstigender wurde, wie man den Nachrichten am Abend entnehmen konnte. Wir haben am Mittwoch nicht mal mitbekommen, dass die Sperrstunde auf 21 Uhr vorverlegt wurde im Landkreis Miesbach und hätten so fast unser Abendessen verpasst, hätte nicht ein freundlicher Herr aus dem Restaurant angerufen und höflich nachgefragt, wo wir denn bleiben. 

Da das Wetter nicht ganz so mitgespielt hat, sind die Kinder tatsächlich ums Wandern drumherum gekommen. Dafür haben wir aber den See mit dem Fahrrad umrundet. 25 Kilometer bei schönstem Herbstwetter, mit Schaukelpause auf dem Spielplatz direkt am Wasser und als Belohnung ein Abstecher ins Bräustüberl. Auch für jüngere Kinder ist die Strecke gut zu fahren. Abgesehen von ein paar kleinen, kurzen Steigungen geht es immer schön flach um den See herum, teilweise durch den Wald. Unterwegs hat man viele Einkehrmöglichkeiten, kann in einem der kleinen Orte bummeln oder Eis essen. Im Sommer bietet sich natürlich ein Sprung in den wunderbar klaren See an. 

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Ein besonderes Highlight war für die Kids Mitte der Woche der erste Schnee auf dem Wallberg. Natürlich ließ die obligatorische Schneeballschlacht nicht lange auf sich warten, nachdem wir aus der Gondel raus waren. Oben blauer Himmel, Sonne, ein unglaublicher Blick auf die weiß gezuckerten Berge ringsherum und im Tal der See, mit den letzten kleinen Segelschiffchen drauf für dieses Jahr. Für solche Momente ist man sehr dankbar. Einfach nur stehen, schauen, durchatmen, im Hier und Jetzt sein. Bis einem dann der Schneeball ins Genick fliegt und kalt den Rücken runter fließt. 

Dankbar war ich in der Woche für einige Dinge, die man anders wahrnimmt, wenn sie nicht mehr ganz so selbstverständlich und einfach möglich sind in diesen verrückten Zeiten. So hatten das kleine Tochterkind und ich eine tolle Reitstunde. Mama, die seit Jahren mal wieder auf dem Pferd saß und Tochter, die das erste Mal alleine und frei in der Halle geritten ist. Wir sind beide fast vor Stolz geplatzt und ich war froh, ihr diesen Herzenswunsch endlich erfüllen zu können. 

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Das große Tochterkind hat sich irgendwann erbarmt und hat mich abends zur Yoga-Stunde begleitet. Und mußte hinterher dann doch zugeben, dass es gar nicht so doof war, wie sie gedacht hat. Natürlich hat sie sich auch perfekt verbiegen können als Sportlerin, da war nicht nur Mama sehr neidisch. Diese Stunde am Abend unterm Dach, während der Regen auf’s Dach prasselte, habe ich sehr genossen und wieder einmal gemerkt, wie gut mir diese kleine Auszeit und die Bewegungen doch tun. Warum schaffe ich es nur nicht, das regelmäßig in meinen Alltag einzubauen? 

Am späten Nachmittag sind wir regelmäßig zusammen ins Familien-SPA getigert. Hier waren wir oft fast alleine und konnten die Sauna und den tollen Außen-Whirlpool für uns in Beschlag nehmen. Mein Mann und ich hatten den großen SPA an einem Nachmittag fast für uns alleine und lagen wohlig warm im zweier Sauna-Hüttchen draußen im Garten mit Blick in den Himmel. Die spontan gebuchten Massagen, frei nach dem Motto „mitnehmen was noch geht“, waren selbst mit Maske auf wunderbar entspannend. 

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Und bei all den schönen Erlebnissen und dem Gefühl, gerade sehr behütet und sicher zu sein, kommt Corona auf einmal sehr nah und bekommt ein sehr persönliches Gesicht. So haben wir an dem Abend, an dem dann klar war, ein Lockdown light wird ab Montag wieder unser Alltag sein und das Hotel wird für 4 Wochen schließen müssen, noch ein längeres Gespräch mit unserem Kellner geführt. Er ist Italiener und kommt aus der Nähe vom Gardasee, wo wir im Sommer selbst ein paar Tage verbracht haben. Jedes Jahr kommt er für die Winterzeit an den Tegernsee, um dort „sein“ Stüberl im Hotel herzurichten und zu betreuen. Erst vor 2 Wochen ist er angekommen, hat alles hergerichtet, die ersten Gäste glücklich gemacht. Und jetzt ist wieder alles aus, kaum das es richtig losgegangen ist – finito! Jetzt muss er überlegen, ob er am Sonntag oder lieber erst am Montag zurück nach Hause fährt, um dort erstmal in Quarantäne zu gehen.  Auf meine Frage, wie denn die Lage in Italien aktuell ist, sagt er nur „katastrophal“! Dort haben die Betriebe gerade mal 600 € vom Staat erhalten. Pro Betrieb, nicht pro Person! Wie soll man davon überleben? Mich hat das Gespräch sehr nachdenklich gemacht. Was macht diese Situation nur mit uns? Wird es besser, weil es andere gefühlt noch viel schlimmer trifft? Und die obligatorische Verabschiedung in diesen Tagen „Alles Gute für Sie und bleiben Sie gesund“, war besonders ehrlich gemeint an diesem Abend. 

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Mein absoluter Höhepunkt der Woche war sicher mein Gleitschirmflug am letzten Tag, den ich vom besten aller Ehemänner zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Dummerweise hat die ganze Woche das Wetter nicht so mitgespielt, wie es sollte: Zu viel Wind, zu wenig, aus der falschen Richtung, zu viel Schnee am Berg usw. Aber endlich am Abreisetag: Perfektes Flugwetter! Hurra! Da ich schon einmal einen Tandemflug gemacht habe, war die Vorfreude riesig. Am Landeplatz habe ich dann den Sepp getroffen, der mit mir an diesem Tag geflogen ist. Also erst mal rauf auf den Wallberg mit Sack und Pack, Startplatz auswählen, Equipment fertig machen und anschnallen. Nach einer kurzen Einweisung von Sepp hatte ich auch nicht mehr viel Zeit darüber nachzudenken, ob ich tatsächlich den steilen Abhang gleich runter rennen will. 

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Unser erster Startversuch ist dann auch gleich mal in die Hose gegangen, weil es uns den Gleitschirm dermaßen verrissen hat, dass es mich erstmal sauber hingelassen hat und ich heute stolze Besitzerin mehrerer blauer Flecken am rechten Bein bin. Mit etwas Pudding in den Knien nach dem Schreck, waren wir dann aber ein paar Minuten später problemlos in der Luft. Ein unglaublicher Blick über die Berge, den See und diese Leichtigkeit und Stille, mit der man fliegt, und das Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit ist einfach unbeschreiblich. Ich durfte dann tatsächlich auch kurz selbst lenken. Da die Thermik zu der Zeit leider nicht mehr optimal ist, war der Flug viel zu schnell vorbei. Aber ich kann das nur jedem empfehlen, dem ein Fallschirmsprung too much ist – so wie mir – aber gerne mal in die Luft gehen möchte. Beste Bedingungen hat man im Frühjahr/Frühsommer und ich wette, das glückliche Grinsen bekommst auch du hinterher nicht mehr aus dem Gesicht. 

Hier sind wir nun wieder halbwegs im neuen alten Corona Alltag angekommen. Schule geht zum Glück gerade. Die Nachmittage sind zwangsentschleunigt oder kreativ mit Online-Training gefüllt. Da wir nun nicht den Sommer vor der Tür stehen haben und viele schöne Dinge, die die bevorstehende Adventszeit doch so besonders machen, wie ein Weihnachtsmarktbesuch oder das Weihnachtstheaterstück, nicht stattfinden können, hoffe ich sehr, wir kommen alle gut durch diese letzten Wochen des Jahres. Wir müssen versuchen mit dem was geht, das Beste daraus zu machen. Also macht es Euch kuschelig zu Hause, ladet Freunde zum Essen, Kaffee oder Glühwein ein, backt tonnenweise Plätzchen und esst sie alle auf! Bestellt Essen bei Eurem Lieblingsrestaurant. Genießt es, nicht auf gefühlt 200 Weihnachtsfeiern zu tanzen oder die 50. Plätzchenspende für irgendeinen Weihnachtsbazar abgeben zu müssen. Vielleicht gibt es uns ja die Situation ein bißchen mehr Ruhe und Muße für die staade Zeit, die ruhige Zeit wie man in Bayern zu sagen pflegt, zurück. Und umso mehr freuen wir uns vielleicht darüber, wenn wir den ganzen Wahnsinn im nächsten Jahr wieder genießen dürfen. 

Passt auf Euch auf! Liebe Grüße, Nicole

Text & Fotos: Nicole Jaser


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